Es gibt immer was zum feiern – und wenn nicht, dann wird trotzdem gefeiert
Rauch steigt in meine Nase. Meine Augen tränen. Um mich herum schreien die Leute, es fühlt sich an, als wäre ich mitten in einem Straßenkampf gelandet – oder in einer schlecht geplanten Pyrotechnik-Show. Hustend halte ich mir die Hand vor den Mund und greife mit der anderen panisch nach der Hand meiner Tochter. Sie starrt mich mit großen Augen an. Ihr Gesicht, ihre Haare – sie ist über und über mit Ruß bedeckt. Pinkem Ruß.
Wir sind hier nicht im dritten Weltkrieg. Nein. Wir sind auf einer Gender-Reveal-Party, hier in Brasilien auch „Chá de Revelação“ genannt. Und der Farbe nach zu urteilen, wird es wohl ein Mädchen. „Luisa!“, kreischen die Gäste um mich herum. „Es wird eine Luisa!“ Dank Luisa sehen meine Tochter und ich nun aus, als hätten wir einen unfreiwilligen Kopfstand in einem Farbtopf gemacht. Denn zu unserem „Glück“ ist die Farbbombe – alias Fußball, der vom werdenden Vater abgeschossen wurde – direkt über unseren Köpfen explodiert.
Am liebsten würde ich kopfüber in eine Waschmaschine springen und mich im Intensiv-Waschprogramm von dem pinken Zeug befreien. Doch während ich noch überlege, ob ich einfach als unfreiwilliges Flamingo-Imitat nach Hause gehen soll, ist meine dreijährige Tochter begeistert. „Schau mal Mama, ich bin rosa! Ich bin eine rosa Prinzessin!“ Gut. Mein Waschmaschinen-Plan muss warten. Ich will ihrer großen Showeinlage schließlich nicht im Weg stehen.
So verbringe ich den Rest des Nachmittags als rosa gepuderte Begleiterin einer Dreijährigen mit Disney-Prinzessinnen-Ambitionen und feiere mit den anderen Gästen bei Hot Dogs und Traubensaft die Gender-Reveal-Party von Luisa.
Von Babyshower bis Bauch-Abschied: Feiern vor der Geburt
Wenn Brasilianer eines können, dann ist es feiern – und das richtig professionell und mit ganz viel Hingabe. Dabei wird jeder erdenkliche Anlass genutzt, um eine Party zu schmeißen. Und wenn es keinen Anlass gibt, dann wird er eben erfunden.
Nächste Woche werde ich beispielsweise auf eine „Despedida da Barriga“-Feier eingeladen. Wörtlich übersetzt bedeutet das „Abschied vom Bauch“. Nein, hier feiert niemand eine geglückte Diät. Stattdessen wird eine hochschwangere Frau kurz vor der Geburt noch einmal ordentlich verabschiedet – als wäre sie eine Studentin auf dem Weg ins Ausland und nicht eine Frau, die in spätestens zwei Wochen Windeln wechseln muss. Nicht zu vergessen der „Chá do Bebê“, also die klassische Babyshower-Party, die zwischen Gender-Reveal und Bauch-Abschied stattfindet.
Drei Partys innerhalb von neun Monaten. Respekt.
Der erste Geburtstag: Mehr Gala als Kinderfest
Nach der Geburt geht es dann im gleichen Tempo weiter. Erst wird der einmonatige Geburtstag des Babys gefeiert, dann jeder darauffolgende Monat bis zum krönenden Abschluss des ersten Jahres.
Ich erinnere mich noch genau, als eine Freundin mich zum ersten Geburtstag ihres Kindes einlud. Ich ging hin mit der festen Überzeugung, dass ein paar Freunde und Bekannte kommen, Geschenke gemütlich auf dem Wohnzimmerteppich ausgepackt werden und es nach einem Geburtstagsständchen mit selbstgebackenem Kuchen langsam wieder nach Hause geht.
Dementsprechend sah auch mein Outfit aus: Flip-Flops, kurze Shorts und ein T-Shirt in der Farbe der brasilianischen Flagge.
Als ich an besagter Adresse ankam, wurde mir schnell klar, dass irgendwas nicht stimmte. Vor dem Eingang tummelten sich elegant gekleidete Gäste, die in ihren bodenlangen Abendkleidern und halsbrecherischen High Heels aussahen, als wären sie gerade auf dem Weg zur Oscar-Verleihung. Waren wir hier sicher auf einem Kindergeburtstag – oder hatte ich unabsichtlich einen VIP-Zutritt zur Met Gala bekommen?
Am Eingang begrüßte mich eine Empfangsdame, die mich mit hineinbegleitete. Ja, eine Empfangsdame. Keine Mutter, die mir in Jogginghose die Tür aufmacht, während sie mit einer Hand das Baby wiegt und mit der anderen die Windeln vom Wohnzimmerboden aufsammelt. Nein. Eine professionelle Empfangsdame.
Von Wohnzimmerteppich konnte hier keine Rede sein. Meine Freundin hatte ein 2000 Quadratmeter großes Anwesen gemietet. Hier gab es eine Bar mit All-you-can-drink-Caipirinhas, einen riesigen Esssalon mit Flying Buffet, einen Pool, einen Kinder-Spielplatz mit Karussell und sogar einen Kinder-Beauty-Salon. Als wäre das nicht genug, liefen hier mindestens zwanzig Angestellte herum, die dafür sorgten, dass die Erwachsenen ihre Cocktails in Ruhe trinken konnten.
Der ganze Luxus war in kitschig pinke Peppa-Pig-Deko gehüllt, in der Mitte thronte eine gewaltige Peppa-Pig-Torte.
Gut. Wann genau war meine Freundin zur Millionärin geworden?
Ich war eindeutig underdressed. Und mein Geschenk, ein kleines Bilderbuch, vermutlich auch. Bevor ich es jedoch heimlich hinter meinem Rücken verschwinden lassen konnte, hatte die freundliche Empfangsdame es mir bereits aus der Hand gerissen, groß mit meinem Namen beklebt und zu einem Berg an weiteren Geschenken gelegt – der in etwa die Größe eines Kleinwagens hatte.
Vor Scham nahm mein Gesicht die Farbe der Peppa-Pig-Deko an und ich Flip-Floppte zur Bar, in der Hoffnung, mir mit ein paar Caipirinhas ein Abendkleid herbeizaubern zu können. Zumindest imaginär.
Das Geburtstagskind verschlief übrigens die meiste Zeit. Es wurde nur zum Geburtstagsständchen um 22 Uhr kurz geweckt – damit die Erwachsenen stellvertretend weiterfeiern konnten. Außer mir schien das niemanden zu wundern.
Auch auf die Frage, ob sie im Lotto gewonnen hätte, lachte meine Freundin nur und verneinte.
Mein Fazit: Butterkekse statt Buffet
Brasilianer feiern ohne Rücksicht auf Verluste oder eben nicht anwesende Geburtstagskinder. Brasilianer zahlen mindestens drei Monatsgehälter, um eine Party zu finanzieren.
Zum ersten Geburtstag meines Sohnes werde ich strategisch nach Deutschland zu meinen Eltern fliehen, wo das größte Highlight eine Packung Butterkekse und ein selbstgesungenes Geburtstagsständchen ist. Und Geschenke werden auf dem Wohnzimmerteppich ausgepackt – ohne Widerrede!