Trilinguales Familienchaos

Und seit 150 Tagen grüßt nun schon das Murmeltier

Seit 150 Tagen befinde ich mich nun schon in einer nicht enden wollenden Wiederholungsschleife als real gewordene Protagonistin aus Harold Ramis´ gleichnamiger Hollywoodkomödie. Seitdem der argentinische Präsident Alberto Fernandez am 19. März den nationalen Lockdown ausgerufen hat, hat sich mein Tagesablauf auf die fundamentalsten Bedürfnisse der Maslowschen Pyramide beschränkt: Schlafen, Essen, Trinken, Schlafen. Müll rausbringen und der Lebensmitteleinkauf sind zum Tageshighlight geworden.
Dieser apathische Zustand hat in den letzten 5 Monaten keinen allzu großen Wandel durchlebt. Die einzige was sich geändert hat ist die Monatsanzeige auf meinem Schreibtischkalender und die offensichtlich nicht mehr allzu firme Geduld der argentinischen Bevölkerung, die langsam, aber sicher an seine Grenzen stößt.
Neben den apokalyptischen Schlagzeilen über Neuinfektionen und Corona-Tote in den Medien, mehren sich nun Nachrichten über landesweite Proteste der angeschlagenen Bevölkerung. Aus einem Land, das von hoher Inflation gebeutelt ist und nun mit offenem Auge zusehen muss, wie auch der Rest der Firmen und Geschäfte durch den Lockdown pleitegehen oder vom Staat aufgekauft werden.
Unter dem Motto: #17ASalimosTodos, gingen die Argentinier letzte Woche am 17. August, dem Feiertag zu Ehren des südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfers San Martin, auf die Straßen, um ihrem Ärger gegen die aktuelle Lage und Politik Luft zu verschaffen.
Gründe zum Protest haben die Argentinier derzeit einige. Da ist zum anderen der nicht enden wollende Anstieg der Inflationsrate, die steigende Kriminalitätsrate, der Anstieg der Armut und Arbeitslosenrate sowie die bereits zum 10. Mal verlängerte Quarantäneregelung. Auch Korruptionsvorwürfe gegen die aktuelle Regierung unter Kirchner stehen in der Agenda der sich häufenden Proteste.
Seit dem Ausruf der obligatorischen und präventiven Quarantäne wirbt der Präsident mit seiner Politik, die für Nächstenliebe und Altruismus steht und die das Land vor dem Virus mit allem Mitteln schützen möchte. Von dieser angepriesenen Hilfsbereitschaft merke ich jedoch wenig beim Schlendern durch die leeren Straßen von Buenos Aires. Fast jeden Tag sehe ich mehr Menschen, die auf der Straße leben, immer mehr Läden, die ein Verkaufsschild vor ihren Eingang hängen und immer mehr Opfer, die direkt vor meiner Haustüre beinahe täglich von Kleinkriminellen ausgeraubt werden.
Wenn meine Freundinnen aus Deutschland mir in unseren zweiwöchigen Skype Telefonaten von Berichten schwärmen, in denen erzählt wird wie effektiv die argentinische Regierung das Land durch die Krise lenkt oder meine Oma mich sicher in Argentinien wähnt, da “die Regierung ja seine Bevölkerung so effektiv vor dem Virus schütze”, möchte ich vor lauter Blauäugigkeit jedes Mal am liebsten laut aufschreien. Denn sicher fühle ich mich ganz sicher nicht mehr in diesem Land.
„Das Ansteckungsrisiko ist an Orten mit einer hohen Konzentration von Menschen erhöht, so dass die Gefängnisse zu einem Umfeld werden, das der Ausbreitung der Krankheit förderlich ist“, sagte der Präsident vor einigen Monaten. Seitdem wurden mehr als die Hälfte aller Gefangenen im Land befreit.
Das Paradoxe an der ganzen Situation: Gefängnisse stellen angeblich eine Gefahr für die Gesundheit dar, aber Bürgern, die die Quarantäne missachten droht eine jahrelange Gefängnisstrafe. Die Gefängnisse werden quasi von Kriminellen befreit, um Platz für Corona Leugner zu machen.
Mit den Worten “eine Wirtschaft erhole sich immer, aber ein beendetes Leben komme nie wieder zurück”, verteidigt der Präsident immer wieder aufs Neue die strikte Quarantäne und die dadurch immer weiter ansteigende Armut. Die Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) schätzt, dass die Armut bis zu 37,5% dieses Jahr ansteigen wird. Laut Unicef werden dadurch bis zum Ende des Jahres insgesamt bis zu 8 Millionen Kinder und Jugendliche unter die Armutsgrenze fallen.
Besonders hart trifft es derzeit Besitzer von Bars, Restaurants, Hotels, Fitnessstudios, Kindertagesstätten und Schwimmbädern, die schließen mussten oder kurz vor der Insolvenz stehen. Die Fundación Observatorio Pyme schätzt, dass etwa 8% der klein- und mittelständischen Unternehmen vom Verschwinden bedroht sind. Das sind etwa 61.000 Unternehmen mit über 250.000 Beschäftigten. Das Paradoxe ist mal wieder, dass die Geschäfte nicht öffnen dürfen, der Arbeitgeber aber weiterhin volles Gehalt zahlen muss, und auch die Entlassung von Arbeitskräften während der Quarantäne verboten ist. Viele Unternehmen häufen dadurch Unmengen an Schulden an, während sie keinen Zugang zu Krediten haben.
Das der argentinische Staat bei seiner aktuellen Politik nur das Wohl der Bevölkerung im Sinn hat, ist bei diesen Aussichten wohl eher anzuzweifeln.
Da die internationalen Flüge für Anfang September nun auch gestrichen wurden, ist ein Ende der Quarantäne wohl vorerst auch nicht in Sicht. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als weiterhin meiner actionreichen Alltagsroutine nachzugehen und in meiner persönlichen „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – Welt vor mich hin zu leben.

Fenjatla

Kurz und knapp: Mein Name ist Fenja, ich bin 25 Jahre alt, 1,56 groß/klein, blond, reiselustig und...naja..hier fängt die Reise auch schon an. Wenn du mehr über mich wissen möchtest dann bist du hiermit herzlich eingeladen meinen Blog zu lesen ;)

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